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Nichts
für Eilige: der südlichste Punkt Europas
Sechs Stunden braucht das Boot, um den südlichsten
Punkt
Europas zu erreichen, bei günstigem Wind vielleicht auch nur
fünf. Der
südlichste Punkt Europas liegt weder bei Gibraltar noch an der
Südspitze Siziliens.
Auch die Insel Malta kann diese Ehre nicht für sich in Anspruch
nehmen, sondern
ein Inselchen südlich von Kreta, das so unbekannt ist, daß
man selbst im Großen
Brockhaus vergeblich danach sucht. Es liegt noch südlicher als die
nordafrikanischen Städte Tanger, Algier und Tunis. Gávdos
heißt das wenige
Quadratkilometer große Eiland. Die Bewohner der
Südküste Kretas nennen es auch
zuweilen Kalypso und erzählen dem aufhorchenden Fremden
bereitwillig, daß
Odysseus auf einer seiner abenteuerlichen Fahrten hier auf
Gávdos gelandet sein
soll.
Wer dieses einsame Fleckchen Erde im libyschen Meer
besuchen will, muß Zeit haben, viel Zeit. Gewöhnlich besteht
nur einmal in der
Woche überhaupt die Möglichkeit, nach Gávdos
hinüberzufahren; dann nämlich,
wenn das Postboot den Gávdioten die Zeitungen der vergangenen
Woche und Briefe
bringt. Kommt der Besucher aus Europas Norden von der nordkretischen
Hafenstadt
Chaniá her an einem Donnerstag in dem Fischerdorf
Paläóchora an der Südküste
an - die fast achtzig Kilometer lange, kurvenreiche Fahrt mit dem
Bus dauert
immerhin einen halben Tag -, dann kann es sein, daß Kapitän
Manoli ausgerechnet
schon am Mittwoch mit seinem „Alkion“ in See gestochen ist und erst in
einer
Woche wieder fährt. Dem wehmütig westeuropäischen
Verkehrsverbindungen
nachtrauernden Fremden bleibt nichts anderes übrig. als eine Woche
lang zu
warten, wenn er sich nicht ein anderes Ziel suchen will.
Ich bin schon am Sonntag in Paläóchora
angekommen,
brauche also nur eine halbe Woche zu warten. Es ist in der ersten
Aprilwoche;
wenn die Brandung nicht so stark gegen die Küstenfelsen donnern
würde, könnte
man sich die Zeit ohne weiteres mit Baden vertreiben. Am Mittwoch ist
die See
zum Glück ruhig. Kapitän Manoli und ein Helfer laden den
Bauch des ,.Alhion“
mit Mehl und Reis, mit Limonadenflaschen und Wein, mit Schuhen und
Töpfen voll
- Gavdós ist eine karge Insel, und ihre Bewohner müssen das
meiste, was sie zum
Leben brauchen, von Kreta herüberbringen lassen.
Um zehn Uhr fahren wir los. Das
Wasser ist ruhig, ein leichter Wind geht, und Manoli kann dem alten
Dieselmotor
mit einem Segel helfen. Über uns spannt sich weit der blaue
Himmel. Im Dunst
ganz fern am Horizont kann man Gavdós gerade als feinen Strich
-ausmachen. Wir
fahren zu viert; der Polizeiboß der Insel ist auch mit von der
Partie. Er hat
in Paläóchora die Monatsgehälter für den
Lehrer, den Priester und die
Polizeibeamten geholt. Manoli erklärt uns, daß die See
diesmal so günstig sei,
daß er nicht im Schutze der Küste fahren brauche, sondern
die Inseln im
direkten Kurs änsteuern könne. Das alte Boot macht so langsam
Fahrt, daß wir
trotzdem genügend Zeit haben, uns die Südküste des
kretischen
.,Festlandes" zu betrachten, die langsam zur Linken
vorübergleitet.
Schroff steigt die Küste aus dem Meer empor, wilde,
zerklüftete Felsen statt
eines weiten Sandstrandes, und über allem thronen die
schneebedeckten Gipfel
der Lefka Ori, der „Weißen Berge“, die bis 2500 Meter hoch
emporragen. Je
weiter das Boot nach Südosten fährt und sich von der
Küste entfernt, um so
deutlicher läßt sich am nordöstlichen Horizont ein
anderer schneebedeckter
Gebirgsstock erkennen: der Ida oder Psiloritis, wie ihn die Kreter
nennen. Der
altersschwache Motor läßt das Boot so erzittern, daß
ich den Feldstecher nicht
ruhig vor die Augen halten kann, um mir den -Berg näher
heranzuholen, der in keinem Kreuzvworträtsel fehlt.
Die Küste bleibt zurück. Immer
deutlicher schält sich unser Ziel aus dem Dunst heraus und nimmt
Form und Gestalt an, je später es am Nachmittag
wird. Wir passieren erst das niedrige, langgestreckte Inselchen
Gavdopoúla,
das unbewohnt ist. Und dann, nach fünf Stunden, ist es soweit- wir
haben die weltverlassene Insel erreicht, die in früheren
Jahrhunderten Piraten
aus vielen Ländern als Schlupfwinkel gedient hat. Von hier aus
überfielen sie
die Handelsschiffe im Mittelmeer, die Waren von Ägypten nach
Venedig, von
Konstantinopel in spanische Häfen brachten. Kapitän
Manoli steuert den „Alkion“
an der Nordküste entlang; nur im Osten der Insel ist eine
geschützte Bucht zu
finden. Das Boot muß draußen in der Bucht ankern, eine
richtige Anlegestelle
gibt es auf Gavdós nicht. Am Strand winken Leute, wahrscheinlich
warten sie
schon seit Stunden. Schließlich ist die Ankunft des Postbootes
die einzige
Abwechslung im eintönigen Leben dieser Inselbewohner. In einem
kleineren Boot
rudern wir zur Küste. Die Leute freuen sich sichtlich. Jeder der
Ankommenden, auch
der Fremde, wird von jedem mit Handschlag begrüßt, was sonst
bei den zurückhaltenden
Kretern gar nicht üblich ist. Und dann kommt gleich die
Überraschung: hier am
südlichsten Punkt Europas, auf diesem einsamen Inselchen, werde
ich auf deutsch begrüßt. Das war nicht einmal in den Hotels
der großen Städte der Fall. Einer der bärtigen Fischer
hat mich natürlich
längst als Deutschen erkannt und freut sich jetzt, vor den anderen
mit ein paar
deutschen Brocken glänzen zu können. Während ich noch
überlege, wo der Mann
wohl seine Deutschkenntnisse herhaben könnte, grollt es in
der Erde, und ;ich spüre deutlich,
wie der Boden kurz erzittert. Auch die Gavdióten haben ihr
Begrüßungspalaver unterbrochen, lassen sich von dem
kleinen Erdbeben aber nicht weiter stören. Inzwischen erklärt
mir der Bärtige, daß er vom Kriege her noch
ein wenig Deutsch könne. Damals sollen etwa hundertfünfzig
deutsche Soldaten
als Besatzung auf der Insel gewesen sein.
Das „Dorf“ Kástri, ein
paar ärmliche Steinhütten, liegt weiter oben auf dem
höher gelegenen Teil der
Insel. Bis dorthin muß man eine gute Stunde laufen. In ihrem
unteren Teil
unterscheidet sich die Insel in ihrem Charakter von der
gegenüberliegenden Südküste
Kretas. Sie ist bei weitem nicht so felsig und schroff; die Landschaft
ist
aufgelockerter, gerundeter. Wir laufen über große
Steinplatten und Sandboden;
in die Zypressenhaine sind ein paar kärgliche Felder eingestreut.
Der Anblick
des Dorfes ist entmutigend. Nirgendwo in Kreta, auch in hochgelegenen
Bergdörfern
nicht, habe ich Häuser gesehen, die so kümmerlich sind.
Die kleinen
Steinhütten sind nicht einmal mit weißer Farbe
getüncht, wie es im übrigen
Griechenland selbstverständlich ist. Die Innenwände haben nur
einen rohen
Verputz, mit den Fenstern und dem Fußboden hat man sich ebenfalls
nicht viel
Mühe gemacht. Nicht einmal ein richtiges Kafeníon, eines
von den Kaffeehäusern,
das die Griechen über alles lieben, gibt es hier. Ich sitze
deshalb eine
Zeitlang in der Polizeistation herum, wo das Funkgerät steht, das
für die
Inselbewohner zuweilen die einzige Verbindung mit der übrigen
Welt bedeutet.
Gegen Abend kommt Wind auf; es wird unangenehm kühl. Aber der
Anblick von
Kreta, der „Großen Insel", wie die Kreter ihre Heimat liebevoll
nennen,
entschädigt für vieles. Die schneebedeckten Berggipfel werden
von der
untergehenden Sonne in Rot getaucht, während sich unten an den
Küsten milchigblauer
Dunst zusammenballt.
Geórgios,
einer von den
Gavdióten,
die unten am Strand beim Entladen des Bootes geholfen haben, hat mich
in seine
Hütte eingeladen, und ich bin froh darüber. Auf der
ganzen Insel gibt es
schließlich keine andere Übernachtungsmöglichkeit. Im
Schein einer trüben Öllampe
sitzen wir dann am Abend an einem roh gezimmerten Tisch in der
Hütte eines
Alten, der mit Gemischtwaren handelt und die deshalb das Kafenion
ersetzen muß.
Auf einen Kaffee müssen wir allerdings verzichten: der Alte hat
keine Lust,
Feuer zu machen. So viel Armut wie hier, so zerschlissene Kleider, so
abgetragene Schuhe, und eine so einfache Ausstattung der Hütten
habe ich bisher
auf meinen Wanderungen in ganz Kreta nicht gefunden, Obwohl die Leute
sehr
gutmütig sind, gefällt es mir nicht recht; erst nach ein paar
Bechern Wein
fühle ich mich wohler.
Im Licht der Morgensonne sieht
alles freundlicher aus. Trotzdem bin ich froh. daß wir heute
wieder zurückfahren.
Gesicht und Handrücken brennen furchtbar. Ich habe mir am
Vortag bei der
stundenlangen Fahrt über das Meer einen anständigen
Sonnenbrand geholt, ohne
daß ich es bei der frischen Brise gemerkt habe. Unten in der
Bucht, wo daß Boot
vertäut liegt, warten schon ein paar Passagiere, die auch
mitfahren wollen: der
Vorsteher der Insel, zwei Flauen und ein Polizist. Ich wundere mich,
dass sich niemand
zur Abfahrt rüstet, und schon erklärt Kapitän Manoli
freundlich,
heute sei „viel Sturm“, man könne nicht fahren. Vielleicht sei das
Wetter am
Mittag besser. Ich verwünsche ihn im stillen samt seiner
wackeligen „Alkion“,
sitze bald im Schatten, bald wieder in der Sonne, weil mich friert.
Mein
bärtiger Freund ist auch wieder da. Gegcn Mittag - der Wind hat
natürlich
unvermindert angehalten – fangen die Männer ein paar Fische und
kochen sie an
einer rasch improvisierten Feuerstelle. Alle Wartenden vertreiben sich
erst
einmal mit Essen die Zeit; die Frauen packen grobes Brot,
Schafskäse, Oliven,
gekochte Eier aus, und rundum wird zugegriffen; der Kapitän
spendiert
den Wein.
Furchtbar, dieses Warten. Ich würde
gerne zur Südspitze
der Insel gehen, zum Kap Tripití, um meinen Fuß nun
tatsächlich auf den südlichsten
Punkt Europa; zu setzen, aber nein: Geh nicht weit, vielleicht
fahren wir in
ein, zwei Stunden, wenn der Wind aufhört...“ Als die Sonne
untergeht, warten
wir immer noch am Strand. Kapitän Manoli nimmt mich auf sein Kaiki
mit. Im Rumpf
des Bootes wickle ich mich in ein Segel ein, denn die Nacht wird
kühl. Zu der
Einstiegsöffnung leuchtet ein Stück prächtigen
kretischen Sternenhimmels herein
und scheint im Rhythmus der leichten Brandung sacht zu schwanken; dicht
am
Ohr klatschen leise die Wellen an der Bordwand entlang.
Nach einer
weiteren Nacht im
schwankenden Boot merke ich im Morgengrauen, daß Manoli
endlich Ernst zu machen scheint. Er holt seine Passagiere an Bord, es
sind
nurmehr drei, denn den beiden Frauen ist das Warten zu lang geworden.
Der alte
Motor beginnt zu tuckern, Manoli holt den Anker herauf und zieht
einen alten
Regenmantel über. Langsam nimmt das Boot den Kampf mit den Wellen
auf. Kaum
sind wir aus der schützenden Bucht heraus, beginnt der „Alkion"
auf den
hohen Wellen hin und her zu tanzen, die Brecher klatschen von
allen Seiten
über das kleine Deck herein. Nach ein, zwei Stunden wird die See
ruhiger. Das
Boot stampft nicht mehr mühsam durch die Wellen. sondern schaukelt
wiegend
dahin. Kapitän Manoli ist diesmal auf die Küste zugefahren
und hält sich in
ihrem Schutz. Die „Weißen Berge" sehen von hier aus noch
höher, noch
gewaltiger aus.
Und nach sechs Stunden Fahrt
haben wir endlich wieder kretischen Boden unter den Füßen.
Mir kommt es vor,
als sei ich in die Zivilisation zurückgekehrt. Eine ganze,
Woche hat mich
dieser Ausflug zum südlichsten Punkt Europas gekostet. Zeit
muß der Gavdós-Fahrer
haben, viel Zeit. Aber das sagte ich wohl schon.
Joachim Männich,
1965
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